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Der Schamperl und das Mauermännchen

Metaperformance-Miniaturen
Lehmbruck Museum Duisburg, 19. Mai 2016

 

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Matthias Schamp und Karl-Heinz Mauermann mit ihren Alter Egos: zwei Handpuppen. Sie heißen „das Schamperl“ und "das Mauermännchen" und haben ein Faible für die Geschichte der Performance-Kunst, deren Erforschung sie sich mit Verve und Vehemenz widmen. Auf den Spuren großer Meister wie z. B. Beuys, Ulay, Valie Export, Hugo Ball und Gilbert & George entstehen dabei Metaperformance-Miniaturen. Eine Auferstehung der besonderen Art feiern dabei u. a. das Orgien-Mysterien-Theater und die „Uni-Ferkelei“, ein Kojote namens „Little John“ sowie das „Tapp- und Tastkino“. Und natürlich gibt es auch „eine kriminelle Berührung mit der Kunst“. Lassen Sie sich davon tangieren!

Fotos in der slideshow: Bernd Beuscher, Lisa Keil, Sabine Niggemann, Claudia Heinrich

Über die Metaperformance-Miniaturen
hat der Medienwissenschaftler Mathias Horstmann einen Essay verfasst. Er kann HIER als PDF runtergeladen werden.

Der Auftakt der Metaperformance-Miniaturen: Das Schamperl und das Mauermännchen – beide nackt – im Türrahmen. Die Besucher müssen sich an ihnen vorbeiquetschen. Ein Remake der berühmten Aktion Imponderabilia von Ulay & Abramovic (1977).

Das Mauermännchen deklamiert das Lautgedicht Karawane in Anlehnung an Hugo Balls berühmten Vortrag im Cabaret Voltaire (1916).

Mauermännchen & Schamperl als Singing Sculptures Gilbert & George performen den Song 'Underneath the Arches' (1969).

Das Schamperl als Joseph Beuys. Ein Remake der Performance 'I like America and America likes me'. Beuys agierte seinerzeit vier Tage mit einem Kojoten zusammen lebend in der Galerie Rene Block. Der anfangs aggressiv-verängstigte Kojote gewann während der Aktion zunehmend an Vertrauen, so dass sich eine Beziehung zwischen Mensch und Tier aufbaute. Dies zeigt das Schamperl in Interaktion mit einer Handpuppe Kojote.

Das Mauermännchen – hart im Nehmen! Im Remake von The harder they come von Jürgen Klauke tanzt das Mauermännchen immer und immer wieder gegen Ziegelsteinmauern. Im Original tanzte Klauke 1978 in der National Gallery in Melbourne, bis er sich Rippenbrüche und eine Verletzung am Fuß zuzog.

Ein dicker Plüschbär wird geschlachtet! Rotes Konfettiblut spritzt! Gedärm aus verknoteten Damenstrümpfen wirbelt durch die Luft. Das in den 1960er Jahren von Hermann Nitsch entwickelte Orgien-Mysterien-Theater versteht sich als "Grundexzesserlebnis und Auferstehungsfest, sadomasochistische Ausschweifung und Katharsis, brutale Zerstückelung und harmonisierende Synthese, Beschwörung des Mythos als zusammengezogenes Weltbild und psychoanalytische Therapie. Aller Abstieg ins Perverse, Unappetitliche geschieht im Sinne einer heilenden Bewusstmachung." (zitiert nach: www.nitschmuseum.at)
Mit Eifer dabei: das Schamperl und das Mauermännchen.

Das Mauermännchen führt John Cages berühmtes Stück mit dem Titel 4'33 auf. Nach der Premiere am 29. 8. 1952 wussten einige Zuschauer nicht einmal, dass sie überhaupt etwas gehört hatten.

In Anlehnung an Klaus Rinkes Primärdemonstrationen (1969) setzt das Mauermännchen Zeit, Raum und Körper zueinander in Beziehung.

In Anlehnung an Peter Weibel (1968) heißt es: "Die Vorführung findet wie stets im Dunkeln statt, nur ist der Kinosaal etwas kleiner geworden. Es haben nur Finger in ihm Platz. Um den Film zu sehen, d. h. in diesem Fall, den Film zu fühlen und zu spüren, muss der Zuschauer/Benutzer seine Finger durch den Eingang in den Kinosaal führen. Damit hebt sich der Vorhang, der bisher nur für die Augen sich hob, endlich auch für die Hand. Der Besuch der Vorstellung ist gratis und jugendfrei.
Im Staatskino sitzen Sie im Dunkeln und sehen zu wie es Einer mit Einer tut, niemand sieht auf Sie. Hier treiben Sie es selbst mit Einem bei Licht und viele sehen auf Sie. Sie kommen zu ihrem Star und sind selbst ein Star."
Und das Schamperl, dessen Genital in der Kinosaal-Box ertastet werden kann? Es sonnt sich in dem Gefühl, kein Staatskino zu produzieren, sondern wie weiland Valie Export Star eines Tapp- und Tastkinos zu sein.

In Anlehnung an Ulays Aktion, bei der dieser Spitzwegs "Armen Poeten" aus der Neuen Nationalgalerie in Berlin klaute, um es in der Wohnung einer türkischen Gastarbeiterfamilie aufzuhängen (1976), stibitzte das Schamperl eine Reproduktion des Gemäldes von der Wand des Lehmbruck Museums. Getreu Ulays Motto: "Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst."

Eine Video-Buddha-Arbeit befindet sich auch in der Sammlung des Duisburger Lehmbruck Museums. Und es gibt mindestens eine Version aus dieser Werkserie, bei der Paik auch persönlich als Video-Buddha performt. Daran haben sich das Schamperl und das Mauermännchen ein Beispiel genommen und sich zum Abschluss der Metaperformance-Miniaturen einträchtig vor der Glotze versammelt.

 

Weitere Fotos auf der Seite der Fotografin Sabine Niggemann

Homepage Matthias Schamp

Dies war nicht der erste Auftritt des Schamperls und des Mauermännchens.