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Kunst für die Massen

Karl-Heinz Mauermann khm Kunst für die Massen Museum Gelsenkirchen


Mauermann zeigt 1991 in einer Einzelausstellung im Museum Gelsenkirchen Bilder aus der Serie: Kunst für die Massen.
An dieser Serie arbeitet er seit Mitte der achtziger Jahre und wird auch die Arbeit in den folgenden Jahren fortsetzen.



aus:
Peter Friese, Der Bart ist ab - zu den Arbeiten von Karl-Heinz Mauermann, Katalogtext Kunst für die Massen

...   Da sind zunächst die auffällig monumentalen Silhouetten, die wie eine Synthese aus menschlichem Oberkörper und einer Würfelform wirken. Das heißt, es sind eigentlich riesige Büsten mit einem an Bauhaus-Architektur erinnernden Quadratschädel. Ihre Monumentalität wirkt zugleich bedrohlich und lächerlich. Es handelt sich nämlich um wahre Pappkameraden. Tapeziert mit dem schwarzmelierten Papier von Aktenordnern, lackiert mit gräulich-bläulichem Hammerschlaglack oder gar mit schwarzglänzender teerartiger Farbe bedeckt. So wie sie im Raum stehen oder an den Wänden lehnen, wirken sie wie Attrappen einer als furchterregend zu denkenden Monumentalität. Moloche, die auf ihrem Einsatz in einer Theaterkulisse für ein futuristisches Stück warten.

Die Quadratköpfe haben den Charakter von Kästen, Kühlschränken, Datenbänken, Monitoren. Sie sind deformiert in einem zweckrationalen, das heißt den Erfordernissen angepaßten Sinne. So, als wenn eine bestimmte Qualität des Denkens zwangsläufig zu einer äußerlich sichtbaren Deformation des Schädels führen müsse.

Doch denke ich, Mauermann betreibt hier keine biedere soziologisch motivierte Medienkritik, um irgendwelche Gefahren aufzuzeigen, die wir ohnehin schon kennen und an die wir uns längst gewöhnt haben. Die kubischen Monster sind für ihn und damit auch für uns als Betrachter so etwas wie Denkbilder, mit denen wir spielerisch umgehen, die, sobald wir ihrer Lächerlichkeit bewußt geworden sind, ihre furchterregende Seite verlieren. Eine Ikonostase, die das, um was es geht, einleitet, eröffnet, umgibt, definiert. Mauermann’s Medium und auch seine Message sind Bilder und Texte aus den Bildmedien, die er für seine  Zwecke konfisziert, collagiert, kombiniert, mit neuen Texten versieht und oft zu ganzen Geschichten mit zum Teil absurden Handlungsabläufen neu ordnet. Seine Vorgehensweise ist dabei mit der eines Jägers und Sammlers im Medienzeitalter zu vergleichen. Die Jagdgründe sind die Zeitungen, Illustrierten, Kataloge. Und seine Sammelleidenschaft lebt er auf dem Kopierer, auf der Tastatur, dem Monitor, dem Scanner eines Computers aus. Dort, quasi am Regiepult, wird die Ausbeute seiner Bilder und Texte geordnet, vergrößert, vergröbert, verkleinert, verfremdet, miteinander und durcheinander kombiniert, um schließlich zu etwas völlig Neuem aus dem längst Vorhandenen zu werden. Mauermann konstruiert also eine neue Wirklichkeit aus der alten Wirklichkeit. Er setzt dem ohnehin nicht mehr überschaubaren Informationsfluß noch  ein Sahnehäubchen auf.

 

 

Mauermann’s Bild- und Sprachkombinationen gehen den Weg der unerschrockenen Neuschöpfungen und damit manchem Betrachter oder Leser direkt unter die Haut. Die gefundenen Sprachfetzen, die zum größten Teil völlig  unabhängig voneinander existierenden Photos, Zeichnungen, Diagramme und Tabellen werden so miteinander verbunden, daß sie einen neuen Sinn ergeben, bisweilen auch einen souverän reflektierten Un-Sinn. Hier, in der Kombinatorik der an sich nicht zusammengehörenden Elemente, hat auch Mauermann’s Sinn für einen oftmals schwarzen Humor seinen Platz. Comicartige Geschichten, ganze Handlungsabläufe, Berichterstattungen, ja beinahe filmisch zu nennende Features entstehen so. Sie werden als Heftchen ediert, verschickt oder eben in einer merkwürdigen Blattsammlung ausgestellt. In ihrer potentiellen unendlichen Reproduzierbarkeit und Neukombinierbarkeit sind sie die Originale. Das heißt, es gibt nichts mehr, worauf sie außerhalb ihrer selbst verweisen wollen, was sie referieren oder repräsentieren. Und dennoch sind es keine reinen selbstreferentiellen oder selbstgefälligen Konstruktionen. Der Betrachter oder Leser ist die Instanz, ohne die dieses System nicht funktionieren würde. Sein Anteil ist der eines aktiven Beteiligten, der die Geschichten, Bilder und Texte erst zum Leben erwecken kann. Die Kolportage, die Kombination, Verknüpfung und Überlagerung von Bildern, Texten und Zeichnungen kommt ohne die unendliche Fähigkeit der Menschen zu Analogiebildungen und bisweilen absurden Verknüpfungen nicht aus.

 

Ein Beispiel für die aktive Integration des Betrachters ist ein "Drehbuch": auf einem Ständer montiert, kann es vorwärts und rückwärts gelesen und gesehen werden. In dieser Rundumbewegung gibt es immer wieder Verweise auf vorher Gesehenes und noch zu Erwartendes. Blättert man aufmerksam in diesem Katalog hin und her, geraten die Denk- und Wahrnehmungsbewegungen, die man selbst vollzieht, zu Analogien des Hin-und Herblätterns. Wenn Francis Picabia vor Jahren einmal gesagt hat, daß der Kopf rund sei, damit die Gedanken darin ihre Richtung wechseln können, dann stellen die Arbeiten von Karl-Heinz Mauermann einen ernstzunehmenden Versuch dar, einen runden, sphärischen Raum für nicht enden wollende Denkbewegungen zu konstruieren.